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Zeit der Wölfe

Bringt kein Licht ins Dunkel, sondern verwandelt es in Worte: Schriftstellerin Ulrike Serowy // Foto: Helena Melinda Fehér

Zeit der Wölfe

Wer Schönheit, im Dunkeln sucht, ist bei Ulrike Serowy goldrichtig. Als „kleines, lichtabweisendes Juwel“ beschrieb die FAZ den Erstling der Kölner Autorin: Die schwarzmetallische Erzählung Skogtatt war ein Versuch, extreme Musik in Worte zu verwandeln. Ein gelungenes Experiment. Denn Serowy (be)schreibt, was sie kennt; ihre Sprache ist minimalistisch und nahbar zugleich. Auch in ihrem neuesten Buch. Wölfe vor der Stadt erzählt die Geschichte zweier Menschen, einsame Wölfe inmitten einer kalten, von dichten Nebelschwaden bedeckten Welt. Ist es Zufall oder Bestimmung, dass sich ihre Wege kreuzen?

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Wir leben in einer Zeit, in der Intimität, Verbindlichkeit und Sicherheit zunehmend durch Konsum und Oberflächlichkeiten ersetzt werden – und dabei vereinsamen wir immer mehr. Auch Helena und Johannes, die beiden Hauptfiguren aus Wölfe vor der Stadt, sehnen sich nach Geborgenheit. Doch während Johannes dazugehören möchte, sucht Helena nach dem einen Menschen, der sie endlich versteht. Müssen wir die Einsamkeit akzeptieren, vielleicht sogar lieben lernen?
ULRIKE SEROWY: Nein, nicht unbedingt. Aber wir sollten nicht darauf warten, dass uns jemand anderes vervollständigt oder etwas gibt, dass er nicht kann. Man könnte einen der Charaktere austauschen und das Buch würde vielleicht ganz anders enden. Vielleicht würden die beiden woanders das finden, was sich suchen. In jedem Fall sollte man mit sich selber gut allein sein können. Wem das schwerfällt, der könnte sich fragen, warum das so ist.

Dein Debut Skogtatt war der Versuch, extreme Musik wie Black Metal in Worte zu verwandeln und dadurch anders fühlbar zu machen. Wie sehr ist Wölfe vor der Stadt von Musik getrieben?
Weniger direkt als Skogtatt. Musik ist hier nicht der Hauptimpuls gewesen, eher das, wovon unsere Musik ein Teil ist. Was suchen wir in dunklen Konzertkellern, auf rauschhaften Festivals und in nächtlichen Bars? Was suchen wir in der Kunst und was in der Liebe? Vielleicht Erlösung von uns selbst? Vielleicht Verbindung zu etwas, das größer ist als wir und diese schnöde Welt, und das uns einen Platz zeigt, an dem wir uns daheim fühlen können? Insofern sind die Wölfe und Skogtatt durchaus verwandt, aber in den Wölfen gibt es weniger eindeutige Antworten. 

Es geht in meinen Texten oft um eine Wandlung, eine innere ebenso wie eine äußere.

Du beschreibst Musik als einen Impuls, der von einem Menschen durch einen anderen wandern und sich dabei in etwas Neuem manifestieren kann. Ist diese schöpferische Transformation eine Art Leitgedanke für deine Arbeit?
Das könnte man so sagen. Ich finde es immer sehr reizvoll, zu versuchen, das Unausgesprochene eines Werkes in Worte zu verwandeln. Es schafft eine Verbundenheit, wenn man die Energie eines Werkes aufnimmt und weiter damit arbeitet. Das ist für mich auch der große Reiz an der Beschäftigung mit Literatur, Musik und Kunst: Wie wirkt es auf mich, löst es vielleicht einen kreativen Prozess aus? Und es ist fantastisch, wenn mir jemand erzählt, dass etwas von mir ebenfalls solch einen kreativen Impuls ausgelöst hat; dass ein Funken übergesprungen ist. 

Den Leitgedanken meiner Arbeit würde ich aber noch etwas weiter fassen: Es geht in meinen Texten oft um eine Wandlung, eine innere ebenso wie äußere.

Kannst du dir vorstellen, auch andere musikalische Genres sprachlich zu verwandeln? Oder andere Metiers, wie Malerei und Skulptur?
Sicher, wobei ich solche Verbindungen nicht direkt suche, sondern sie aufgreife, wenn sie zu mir sprechen. 

Helena, die Protagonistin deines Buches hört beim Arbeiten viel Musik. Welche Platten hast du gehört, während du an den Wölfen gearbeitet hast?
Viele. Aber ich könnte ein paar nennen, die das Gefühl des Buches für mich gut zusammenfassen: Menace Ruine Alight in Ashes, Tusen År Under Jord Sorgsendömet Fobos und Fell Voices Regnum Saturni. Alle diese Platten sind erschienen, kurz bevor ich mit dem Schreiben angefangen habe beziehungsweise während ich mittendrin war. Vielleicht sind sie aus demselben Geist oder derselben Sehnsucht geboren wie der Text. 

Ein starkes Debut, ein schwacher Follow-up – das gibt’s in der Musik oft. Bei dir nicht. Saß diese Angst, die beim Schreiben trotzdem im Nacken?
Der Gedanke war auf jeden Fall da, und ich musste mich beim Schreiben bewusst frei davon machen, um den Wölfen ihren eigenen Raum zu geben. Ich wollte auf keinen Fall versuchen, im nächsten Buch einfach ein zweites Skogtatt zu schreiben, die Wölfe sollten für sich stehen. Meine Novelle Heimkehr knüpft auf gewisse Weise an Skogtatt an, aber die habe ich auch einige Zeit nach den Wölfen geschrieben.

Sprache ist das Werkzeug, um das, was ich gesehen habe, aus dem Nebel zu holen, ohne es zu enthüllen.”

Deine Bücher eint eine ganz eigene Prosa. Wie würdest du selbst deinen Schreibstil beschreiben?
Als ziemlich penibel. Ich gebe mir große Mühe, die richtigen Worte zu finden, für das, was ich ausdrücken möchte und suche zum Teil auch lange nach dem einen passenden Wort, mit dem ich dann zufrieden bin. Auch Satzmelodie ist mir sehr wichtig, denn die macht einen großen Teil der Wirkung aus. Außerdem versuche ich, nie zu viel zu schreiben, also keine langen Beschreibungen von irgendwas, das der Geschichte nicht dienlich ist. Weglassen ist sehr wichtig.

Die Geschichte von Wölfe vor der Stadt ist düster und fantastisch, ebenso wie die Bilder, die deine Worte erzeugen, der Nebel, die dunkle, menschenleere Stadt. Die Gefühle, deine Sprache erzeugt, sind dennoch seltsam vertraut, beklemmend real. Was ist beim Schreiben zuerst da: die Gefühle, die Bilder oder die Worte?
Das ist ganz unterschiedlich. Bei diesem Buch war es am ehesten das Gefühl, das zuerst da war, dann kamen die Bilder. Die Sprache war das Werkzeug, um das, was ich gesehen habe, aus dem Nebel zu holen, ohne es ganz zu enthüllen. 

Deine Perspektivwechsel scheinen mühelos, deine Beobachtungen beiläufig. Aber sind sie das auch? Schreibst du „einfach drauflos“ oder konzipierst und konstruierst du, bevor du mit dem eigentlichen Schreiben beginnst?
Auch hier gehe ich unterschiedlich vor, je nachdem, was die Geschichte braucht. Bei den Wölfen war es so, dass das Gefühl ganz deutlich war, während sich die Geschichte selbst erst nach und nach „aus dem Nebel gehoben“ hat. Ich habe dann auch nicht von vorne nach hinten geschrieben, sondern immer an dem Teil gearbeitet, der sich am deutlichsten gezeigt hat, und am Ende alles zusammengefügt. 

Ich werde von ähnlichen Dingen angezogen, bin aber nicht so kompromisslos, finster und weltabgewandt.

Wie viel von dir selbst steckt in Helena?
Wenig was mein eigenes Leben oder meine Persönlichkeit angeht. Ich werde sicher von ähnlichen Dingen angezogen wie sie, bin aber nicht so kompromisslos und auch nicht so finster und weltabgewandt. Was ich in dem Buch verarbeitet habe, sind Eindrücke – verfallene Häuser in Leipzig, ein trostloser Winter in Berlin, der Rhein bei Nacht. Ich habe auch mal in einer Bar gearbeitet und habe das in die Figur einfließen lassen. Und Helenas Gabe habe ich mir auch nicht ausgedacht. Meine Großtante hatte diese Art von Eingebungen auch. Aber ich betrachte diese Dinge als Material für Figuren, nicht als Erzählung über mich selbst. Autobiographische Romane von relativ jungen Autoren finde ich meist eher weniger spannend, es sei denn, sie behandeln ein wirklich interessantes Thema, wie etwa Leona Stahlmanns Der Defekt.

Glaubst du, dass sich Menschen in deiner Gegenwart beobachtet fühlen?
Oh, das weiß ich gar nicht. Vielleicht ist das so, aber dann hat es mir noch niemand gesagt. Ich habe auch nicht die Absicht, jemanden in meinen Texten aus- und bloßzustellen, selbst wenn ich mich von echten Menschen inspirieren lasse. Manchmal fließen aber Elemente ein. Der junge Mann in Skogtatt macht etwas mittelmäßig Vernünftiges, das mein bester Freund einmal so ähnlich gemacht hat. Und tatsächlich ist Helena ein wenig von einer Freundin inspiriert, sowohl was ihr Aussehen angeht, als auch ihre schonungslose Art. Aber auch hier ging es mir nicht darum, diese beiden Menschen abzubilden. Ich habe mir nur ein paar Dinge geborgt. Beide wissen davon, reden aber noch mit mir. 

Hey, wolf moon, come cast your spell on me: “Wölfe vor der Stadt” von Ulrike Serowy (Editon Outbird, 2022) // Illustration: Hannes “Der Rabe” Starke

Was fasziniert dich am Wolf-Motiv?
Der Wolf ist vor allem ein Symbol. Wir leben tatsächlich in einer Zeit, in der die Wölfe zurückkehren. Der Diskussion darüber merkt man an, dass es um viel mehr geht, als um ein Tier und die praktischen Fragen, ob sich unsere Gesellschaft damit arrangieren kann und es in unserer durchweg kultivierten Landschaft überhaupt noch einen passenden Lebensraum für sie gibt. Grundsätzlich finde ich es gut, dass die Natur sich diesen Raum zurückerobert.

“Wie viel Raum gestehen wir unserem eigenen Schatten zu? Und was passiert, wenn der Schatten überhandnimmt?”

Gleichzeitig kann ich verstehen, dass Menschen das bedrohlich finden. Der Wolf ist aber nicht nur ein Wildtier, wie etwa der Luchs oder das Wildschwein, das ja wirklich sehr gefährlich werden kann, sondern steht auch für unsere eigenen unterdrückten, dunklen Seiten. Wie viel Raum wollen wir den echten Wölfen zugestehen, wie viel Raum gestehen wir unserem eigenen Schatten zu? Und was passiert, wenn der Schatten überhandnimmt? Sollten wir ihm nicht besser einen Platz geben, besonders, wenn er sich danach sehnt?

Erzählst du uns noch etwas über die Covergrafik deines Buches und den Künstler?
Das Cover stammt von Hannes Starke alias Der Rabe, einem Grafiker, der Einflüsse aus Black Metal und Punk verarbeitet und symbolhafte, mystische, surreale Elemente, Figuren und religiöse Gegenentwürfe in seiner Kunst verarbeitet. Mein Verleger bei Edition Outbird hat ihn als Coverkünstler vorgeschlagen und ich finde, er hat die Schlüsselelemente der Geschichte sehr schön eingefangen.

Hast du schon Ideen für dein nächstes Buch?
Ja, klar. Das nächste Buch wird ein Roadtrip nach Island mit einem Abstecher in die Unterwelt. Aber jetzt sind erstmal die Wölfe los…

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Wölfe vor der Stadt von Ulrike Serowy ist im Februar 2022 bei Edition Outbird erschienen; die Erzählung Skogtatt (Hazibel Verlag, 2013) mit Illustrationen von Faith Coloccia ist exklusiv hier erhältlich.

Website: ulrikeserowy.de
Instagram: @ulrike.serowy


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